
Unser Geist ist ein Cocktail
Im ersten Gedankengang bin ich bei der Frage gelandet, was Einstellung eigentlich ist. Für mich ist sie ein momentaner innerer Zustand, aus dem heraus wir einer Situation begegnen.
Aber damit war meine Frage noch lange nicht beantwortet.
Wenn Einstellung ein Zustand ist: Woraus besteht dieser Zustand eigentlich?
Vom Zustand zu den Botenstoffen
Thomas hatte in unserem Gespräch von chemisch-biologischen Prozessen gesprochen. Dieser Teil seiner Antwort hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wusste natürlich, dass unser Gehirn mit elektrischen Signalen arbeitet. Aber irgendwann habe ich mich gefragt, was eigentlich bestimmt, welche dieser Signale weitergegeben werden, wie stark sie wirken und was dadurch in unserem Gehirn geschieht.
Bei meiner Suche bin ich immer wieder auf chemische Botenstoffe gestoßen: Neurotransmitter, Hormone und Neuromodulatoren. Also habe ich angefangen, mich intensiver damit zu beschäftigen, welche Rolle sie in unserem Gehirn und Körper spielen und welchen Einfluss sie auf unsere inneren Zustände haben.
Für mich als ITler war das faszinierend, denn plötzlich war ich wieder bei dem Bild des biologischen Prozessors, das mich schon im Gespräch mit Thomas gepackt hatte. Informationen werden aufgenommen und verarbeitet. Beim Menschen geschieht das allerdings in einem unvorstellbar komplexen Zusammenspiel aus elektrischen und chemischen Vorgängen. Die elektrischen Signale, von denen ich immer ausgegangen war, waren also nur ein Teil der Geschichte. Chemische Botenstoffe beeinflussen fortwährend, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren.
Wenn sich die Konzentration und das Zusammenspiel dieser Botenstoffe fortwährend verändern, was bedeutet das dann für unseren inneren Zustand?
Das Bild vom Neuro-Cocktail
Je tiefer ich mich mit diesen Zusammenhängen beschäftigt habe, desto technischer wurde es. Nervenzellen, Synapsen, elektrische Impulse, Neurotransmitter, Hormone und Neuromodulatoren. Das war spannend, aber für mein eigentliches Anliegen fehlte mir etwas. Ich wollte nicht jedes biochemische Detail verstehen. Ich wollte ein Bild finden, mit dem ich mir vorstellen konnte, was dieser ständig wechselnde innere Zustand für uns bedeutet.
Dabei hat mir ein einfacher Gedanke geholfen: In unserem Körper wirkt nicht ein einzelner Botenstoff für sich. Viele verschiedene Stoffe sind gleichzeitig vorhanden, in unterschiedlichen Konzentrationen und mit unterschiedlichen Wirkungen. Ihre Zusammensetzung verändert sich fortwährend. Für mich fühlte sich das irgendwann wie eine Mischung an, die in jedem Moment etwas anders zusammengesetzt ist.
So ist das Bild meines Neuro-Cocktails entstanden.
Der Begriff ist natürlich keine wissenschaftliche Bezeichnung. Er ist mein Bild für die momentane Konzentration und das Zusammenspiel der Botenstoffe in unserem Körper und Gehirn. Wenn sich diese Mischung verändert, verändert sich auch unser innerer Zustand.
Unsere Einstellung ist für mich der momentane Zustand dieses Neuro-Cocktails.
Was dieses Bild für mich so anschaulich gemacht hat, war allerdings keine Theorie. Es war eine ganz alltägliche Situation, in der ich innerhalb weniger Minuten erleben konnte, wie schnell sich meine eigene Mischung offenbar verändern kann.
An einer Supermarktkasse.
Eine Szene an der Supermarktkasse
Es war ein ganz normaler Tag. Ich war auf dem Weg nach Hause, wollte noch schnell ein paar Dinge einkaufen und freute mich auf einen Abend mit Freunden. Ich war gut gelaunt, voller Vorfreude und ein wenig in Eile. Mein Neuro-Cocktail dürfte also ziemlich angenehm gemischt gewesen sein. Dopamin, vielleicht auch Endorphine.
Dann kam der Stillstand. Ich stand an der Kasse, der Kassierer kämpfte mit dem Scanner und die Schlange bewegte sich kaum noch. Gleichzeitig sah ich, wie die Menschen an den Nachbarkassen an mir vorbeizogen. Innerhalb weniger Augenblicke war meine gute Stimmung verschwunden. Ich wurde unruhig, ungeduldig und merkte, wie Anspannung in mir aufstieg. Adrenalin, Noradrenalin, vielleicht Cortisol.
Welche Botenstoffe dabei tatsächlich wie wirken, weiß ich natürlich nicht. Die Namen helfen nur, die wechselnde Mischung bildlich zu machen.
Was mich an diesem Moment so fasziniert hat, war nicht mein Ärger. Den kannte ich. Spannend war, dass ich beobachten konnte, wie schnell sich mein gesamter innerer Zustand verändert hatte. An der Situation selbst war kaum etwas passiert. Ich stand immer noch an derselben Kasse und wartete. Aber ich war innerhalb weniger Minuten vollkommen anders darauf eingestellt.
Dann fiel mein Blick auf die Nebenschlange. Dort stand eine junge Frau, offen, freundlich, lächelnd. Und schon veränderte sich wieder etwas. Ich wurde aufmerksamer, richtete mich ein wenig auf und war plötzlich erstaunlich wenig mit dem langsamen Kassierer beschäftigt. Testosteron? Phenylethylamin? Wer weiß. Entscheidend war für mich: Mein Neuro-Cocktail hatte sich offenbar schon wieder verändert.
Kurz darauf bekam ich von hinten einen kleinen Schubs. Eine ältere Dame hatte nicht bemerkt, dass ich noch nicht vorgerückt war. Mein erster Impuls war gereizt. Doch dann sah ich ihr Gesicht. Ihr freundlicher, etwas zerbrechlicher Blick erinnerte mich sofort an meine Großmutter. Die Gereiztheit verschwand fast genauso schnell, wie sie gekommen war. Ich spürte Wärme und Mitgefühl. Vielleicht Oxytocin, vielleicht Serotonin. Wieder eine andere Mischung.
Als ich schließlich an der Reihe war, lagen nur wenige Minuten hinter mir. Trotzdem hatte ich in dieser kurzen Zeit ganz unterschiedliche innere Zustände erlebt: Vorfreude, Ungeduld, Aufmerksamkeit, Gereiztheit und Mitgefühl. Und mit jedem dieser Zustände hatte sich auch verändert, wie ich meine Umgebung wahrgenommen habe und wie ich mich verhalten wollte.
Wie kann derselbe Mensch innerhalb weniger Minuten so unterschiedlich auf seine Umgebung eingestellt sein?
Für mich wurde an dieser Supermarktkasse plötzlich sehr anschaulich, was ich vorher nur abstrakt verstanden hatte: Unser innerer Zustand ist nichts Starres. Er verändert sich fortwährend mit dem, was uns begegnet.
Und offensichtlich beeinflusst dieser Zustand auch, wie wir uns verhalten.
Was dieses Bild für mich verändert hat
Seitdem schaue ich auf solche Momente anders. Wenn sich meine Stimmung plötzlich verändert, ich gereizt werde, mich freue, unsicher oder auf einmal ganz ruhig bin, interessiert mich nicht mehr nur, was ich gerade fühle. Ich frage mich auch, was meinen inneren Zustand verändert haben könnte.
Das Bild des Neuro-Cocktails hilft mir dabei, diese Veränderungen zunächst einmal wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten. Ein Gespräch, ein Blick, eine Nachricht, ein Geruch oder eine Erinnerung kann ausreichen, und schon ist etwas in uns anders eingestellt. Manchmal merken wir es deutlich, manchmal kaum. Trotzdem beeinflusst dieser Zustand, wie wir die Situation erleben und wie wir uns in ihr verhalten.
Seit ich dieses Bild im Kopf habe, frage ich mich deshalb manchmal nicht mehr nur: „Warum fühle ich mich gerade so?“, sondern:
Was wurde gerade in mir gemischt?
Diese Frage gefällt mir, weil sie meinen Blick verändert. Sie richtet die Aufmerksamkeit weg von der schnellen Bewertung und hin zu dem, was gerade in mir passiert. Und damit öffnet sie für mich bereits die nächste Frage: Wenn sich unser Neuro-Cocktail fortwährend verändert, was bestimmt eigentlich, wie er sich verändert?
Impuls
Vielleicht beobachtet ihr in den nächsten Tagen einmal, wann sich euer eigener innerer Zustand verändert. Oft braucht es dafür gar nichts Großes. Ein Gespräch, eine Nachricht, ein bestimmter Geruch, Musik, die Atmosphäre in einem Raum oder ein Gedanke können ausreichen und plötzlich fühlt sich dieselbe Situation anders an.
Versucht dabei gar nicht sofort herauszufinden, warum das so ist oder was ihr daran verändern könnt. Nehmt zunächst nur wahr, dass sich etwas verändert hat.
Was könnte meinen Neuro-Cocktail gerade neu gemischt haben?
Manchmal wird schon durch diese Frage sichtbar, wie beweglich unsere Einstellung eigentlich ist.
Ausblick
Nach der Supermarktkasse hat mich vor allem interessiert, warum sich mein Neuro-Cocktail überhaupt so schnell verändert hat. Offenbar genügt manchmal schon ein Blick, ein Geräusch, ein Gespräch oder eine Erinnerung.
Noch spannender fand ich aber etwas anderes: Warum kann dieselbe Situation bei zwei Menschen völlig unterschiedliche innere Zustände auslösen?
Was bestimmt, wie wir auf das eingestellt werden, was uns begegnet?
Damit begann ich, mich genauer damit zu beschäftigen, was zwischen unserer Wahrnehmung und der Veränderung unseres Neuro-Cocktails geschieht. Denn offenbar kommt es nicht allein darauf an, was uns begegnet. Entscheidend ist auch, worauf es in uns trifft.
Darum geht es im nächsten Gedankengang.
Vielleicht bis dahin.
In diesem Sinne, Prost und eine gute Einstellung,
euer Frank
Wenn ihr weiterdenken möchtet
Mehr Gedanken und Texte zur Einstellung unseres Geistes findet ihr hier im DENKRAUM.
Wenn ihr eure Gäste bei einer Veranstaltung mit meiner Keynote gut einstellen möchtet oder einen längeren Impulsvortrag sucht, schreibt mir gerne oder infomiert euch hier.
Und wenn ihr ganz persönlich mit mir weiterdenken möchtet, über eine konkrete Situation, eine Frage oder eure eigene Einstellung, können wir uns auch zu einem Stell-dich-Ein treffen. Persönlich oder remote.
