Was ist eigentlich eine Einstellung?

Was ist eigentlich eine Einstellung?

Manche Gedanken beginnen nicht mit einer großen Erkenntnis, sondern mit einer scheinbar einfachen Frage.

Mich hat schon lange beschäftigt, warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Warum begegnet der eine einer Situation neugierig und offen, während ein anderer sich zurückzieht? Warum sieht jemand eine Chance, wo ein anderer vor allem ein Risiko erkennt?

Und ich kenne die Frage auch von mir selbst. Ich habe mir etwas fest vorgenommen und trotzdem anders gehandelt. Ich wusste, wie ich eigentlich reagieren wollte, und habe es in der Situation trotzdem nicht geschafft.

Wenn Menschen sich vollkommen unterschiedlich verhalten, gibt es dafür oft eine schnelle Erklärung:

„Das ist eine Sache der Einstellung.“

Eine Frage, die bleibt

Die Antwort klang für mich lange wie eine Erklärung. Irgendwann habe ich gemerkt, dass damit die Frage eigentlich erst beginnt. Denn wenn unsere Einstellung erklären soll, warum Menschen in derselben Situation so unterschiedlich fühlen, denken und handeln, müsste ich doch zuerst verstehen, was damit überhaupt gemeint ist.

Was mich daran beschäftigt, ist nicht der theoretische Reiz des Begriffs. Es geht um etwas, das uns im Alltag ständig begegnet. Wir sprechen ganz selbstverständlich von der richtigen Einstellung zum Beruf, zum Sport, zu Beziehungen, zu Krisen oder zu Veränderungen. Wir sagen, jemand habe eine positive Einstellung oder müsse seine Einstellung ändern. Und wenn wir besser verstehen wollen, warum andere Menschen auf Situationen anders reagieren als wir oder warum wir selbst manchmal anders handeln, als wir es uns vorgenommen haben, dann lohnt es sich, bei diesem Wort einmal genauer hinzusehen.

Was ist da eigentlich in uns „eingestellt“?

Auch der Begriff „Mindset“ hat mich nie ganz überzeugt. Er ist modern, handlich und schnell gesagt, aber gerade dadurch für mich oft zu glatt. Zu vieles wird damit erklärt, zu wenig wirklich verstanden. Ich bin deshalb bei dem Wort Einstellung geblieben und wollte wissen, was sich dahinter tatsächlich verbirgt.

Der Ausgangspunkt für mein weiteres Nachdenken war keine Vorlesung und kein Buch, sondern ein Gespräch in der Familie. Bei einer Feier habe ich meinen Cousin Thomas gefragt. Er ist Psychologieprofessor und hat viele Jahre auch neurowissenschaftlich gearbeitet.

„Thomas, du bist doch Experte. Was ist eigentlich eine Einstellung?“

Seine Antwort war überraschend knapp. Er sagte sinngemäß:

„Unsere Einstellung ist das Resultat chemisch-biologischer Prozesse im Kopf. Sie ist ein mentaler Zustand, der in einer bestimmten Situation darüber entscheidet, wie wir denken, fühlen und handeln“.

Der Moment, in dem es Klick macht

Zunächst klang das für mich fast zu nüchtern und hat mir wenig gesagt. Doch dann fügte Thomas einen Vergleich hinzu, der mich sofort erreicht hat. Er sagte sinngemäß: „Das ist ein bisschen wie bei euch in der IT. Ein Prozessor bekommt Informationen. Ein internes Regelwerk legt fest, welche Programme ablaufen. Und je nachdem, wie dieses Regelwerk eingestellt ist, passiert etwas anderes. Beim Menschen ist das natürlich unendlich viel komplexer.“

In diesem Moment hat etwas in mir Klick gemacht. Ich war plötzlich wieder in einer Welt, die mir vertraut war: Daten, Programme, Regelwerke und Prozesse. Nur ging es diesmal nicht um Maschinen, sondern um uns Menschen. Natürlich ist unser Gehirn kein Computer, und heute würde ich dieses Bild an einigen Stellen auch genauer beschreiben. Damals hat es mir vor allem eine Tür geöffnet und meinen Blick auf eine Frage gelenkt, die mich von da an nicht mehr losgelassen hat:

Was passiert eigentlich zwischen dem, was uns begegnet, und dem, was wir daraus machen?

Und so habe begonnen, genau in der selben Weise vorzugehen, wie ich es aus meiner beruflichen Praxis kenne: nicht mit vorschnellen Antworten, sondern mit Fragen. Woher kommt unsere Einstellung? Wie beeinflusst sie, was wir fühlen, denken und tun? Warum sind Menschen in derselben Situation so unterschiedlich eingestellt?

Und dahinter entstand eine noch grundlegendere Frage:

Wenn Einstellung tatsächlich ein innerer Zustand ist: Wie entsteht dieser Zustand eigentlich? Und können wir beeinflussen, wie wir auf eine Situation eingestellt sind?

Mehr als Meinung oder Überzeugung

Mit der Zeit ist mir bei diesen Fragen immer klarer geworden, dass Einstellung für mich weder bloß eine Meinung noch eine Überzeugung oder eine Eigenschaft unserer Persönlichkeit ist. Sie ist etwas Grundsätzlicheres: ein Zustand. Heute beschreibe ich ihn in meinem Modell als den momentanen Zustand unseres Neuro-Cocktails. Er entsteht immer wieder neu, wenn das, was wir gerade wahrnehmen, auf all das trifft, was bereits in uns gespeichert ist und uns geprägt hat.

Wenn ich von Einstellung spreche, meine ich also nichts, das wir uns morgens wie ein Hemd anziehen, und auch keine Überzeugung, die wir einfach in Worte fassen können. Ich meine den Zustand, aus dem heraus wir einer Situation begegnen. Er beeinflusst, ob wir uns beispielsweise offen, misstrauisch, mutig, gereizt, hoffnungsvoll oder abwehrend fühlen und wie wir daraufhin handeln.

Das kann zunächst irritieren, denn wir erleben uns als Menschen, die bewusst nachdenken, entscheiden und handeln. Gleichzeitig kennen wir wahrscheinlich alle diese Momente, in denen in uns längst etwas passiert ist, bevor wir überhaupt darüber nachdenken. Eine Situation fühlt sich plötzlich bedrohlich an, ein Mensch ist uns auf Anhieb sympathisch oder eine Idee begeistert uns, während eine andere sofort Widerstand auslöst.

Was dabei in uns geschieht, ist kein einzelner Vorgang. Wahrnehmungen treffen auf das, was unser Leben bereits in uns hinterlassen hat. Unser Geist verarbeitet diese Informationen und unser körperlicher Zustand verändert sich.

Diesen momentanen Zustand nenne ich Einstellung.

Was dieser Gedanke bei mir verändert hat

Seit ich Einstellung als einen Zustand betrachte, hat sich mein Blick auf mein eigenes Verhalten verändert. Wenn ich heute anders reagiere, als ich es mir vorgenommen habe, frage ich mich nicht mehr nur, warum ich das schon wieder gemacht habe. Mich interessiert stärker, wie ich in diesem Moment überhaupt auf die Situation eingestellt gewesen bin und was dazu geführt haben könnte, dass ich gereizt, unsicher oder abwehrend reagiert habe, obwohl ich eigentlich ruhig bleiben wollte.

Auch auf andere Menschen schaue ich seitdem anders. Wenn jemand auf dieselbe Situation vollkommen anders reagiert als ich, erscheint mir sein Verhalten nicht mehr automatisch unverständlich. Wir erleben zwar dieselbe Situation, begegnen ihr aber aus unterschiedlichen inneren Zuständen heraus. Das bedeutet für mich nicht, jedes Verhalten gutzuheißen oder Verantwortung abzugeben. Aber bevor ich bewerte, versuche ich häufiger zu verstehen, was bei mir selbst oder bei einem anderen Menschen zu dieser Einstellung geführt haben könnte.

Diese Perspektive hat mir in vielen Situationen geholfen, beruflich wie privat. Ich schaue heute weniger allein auf das sichtbare Verhalten und stärker darauf, was dahinter liegen könnte. Daraus ist für mich ein Gedanke entstanden, der mich seitdem begleitet:

Verständnis verändert Einstellung.

Denn wenn ich besser verstehe, was in mir geschieht, verändert sich mein Blick auf mich selbst. Und wenn ich einen anderen Menschen besser verstehe, begegne ich auch ihm anders.

Warum ich diese Gedanken weitergebe

Mit der Zeit habe ich angefangen, meine Gedanken mit anderen zu teilen und darüber ins Gespräch zu kommen. Dabei habe ich etwas erlebt, das mich bis heute begeistert: Menschen haben meine Gedanken mit ihren eigenen Erfahrungen verbunden. Sie haben sich an Situationen erinnert, ihr eigenes Verhalten hinterfragt oder plötzlich einen anderen Blick auf einen anderen Menschen bekommen. Manche haben eines meiner Bilder aufgegriffen, andere haben einen Gedanken ergänzt, infrage gestellt oder selbst weitergeführt.

Dabei habe ich gemerkt, dass genau darin für mich der eigentliche Wert liegt. Ich möchte niemandem erklären, wie der Mensch funktioniert oder wie er leben soll. Auch mein Modell der Einstellung verstehe ich als etwas, das sich weiterentwickeln darf. Es ist aus meinen Fragen, Beobachtungen, Gesprächen und Erfahrungen entstanden und aus dem, was ich darüber gelernt und weitergedacht habe.

Ich möchte diese Gedanken weitergeben, weil sie mir selbst geholfen haben, mich und andere besser zu verstehen. Und weil ich inzwischen erlebt habe, dass sie auch bei anderen etwas in Bewegung bringen können.

Am meisten freut mich, wenn aus meinen Gedanken eigene Gedanken entstehen.

Genau deshalb schreibe ich darüber. Deshalb gibt es diese Webseite und diesen Denkraum. Ich freue mich, wenn jemand einen Gedanken aufnimmt, ihn auf das eigene Leben überträgt, ihm widerspricht oder ihn weiterdenkt.

IMPULS

Beobachtet euch in den nächsten Tagen einmal in einer Situation, in der ihr anders reagiert, als ihr es eigentlich wolltet.

Versucht, eure Reaktion nicht sofort zu bewerten oder zu erklären. Fragt euch zunächst nur:

Wie war ich in diesem Moment auf diese Situation eingestellt?

Und wenn euch das Verhalten eines anderen Menschen überrascht oder sogar ärgert, könnt ihr die Frage einmal umdrehen:

Wie könnte dieser Mensch auf dieselbe Situation eingestellt gewesen sein?

Manchmal verändert schon diese Frage den Blick auf das, was gerade passiert ist.

Ausblick

Mit der Erkenntnis, dass Einstellung ein Zustand ist, war meine Frage natürlich noch lange nicht beantwortet.

Thomas hatte von chemisch-biologischen Prozessen gesprochen. Also wollte ich verstehen, was dabei eigentlich in uns geschieht. Ich wusste, dass unser Gehirn mit elektrischen Signalen arbeitet. Aber wodurch werden diese Signale beeinflusst? Was sorgt dafür, dass sich unser innerer Zustand manchmal innerhalb weniger Augenblicke verändert?

Bei dieser Suche bin ich auf Botenstoffe gestoßen.

Und aus dem Versuch, ihr Zusammenspiel für mich verständlich zu machen, ist später eines der wichtigsten Bilder meines Modells entstanden:

der Neuro-Cocktail.

Darum geht es im nächsten Gedankengang.

Bis hoffentlich bald.

Gute Einstellung
euer Frank

Wenn ihr weiterdenken möchtet

Mehr Gedanken und Texte zur Einstellung unseres Geistes findet ihr hier im DENKRAUM.

Wenn ihr eure Gäste bei einer Veranstaltung mit meiner Keynote gut einstellen möchtet oder einen längeren Impulsvortrag sucht, schreibt mir gerne oder infomiert euch hier.

Und wenn ihr ganz persönlich mit mir weiterdenken möchtet, über eine konkrete Situation, eine Frage oder eure eigene Einstellung, können wir uns auch zu einem Stell-dich-Ein treffen. Persönlich oder remote.