Wie uns unser Geist schmeckt

Wie uns unser Geist schmeckt

Wenn ich über Einstellung nachdenke, suche ich immer wieder nach Bildern, die etwas sichtbar machen, das wir zwar ständig erleben, aber nur selten klar benennen können. Das Bild vom Neuro-Cocktail war für mich ein solcher Moment. Es half mir zu verstehen, dass unser innerer Zustand nicht statisch ist, sondern sich fortlaufend aus vielen Einflüssen neu zusammensetzt. Doch irgendwann stellte sich für mich die nächste Frage: Wenn unser Geist ein Cocktail ist, woran merken wir eigentlich, wie diese Mischung gerade ausfällt?

Meine Antwort darauf ist einfach und zugleich weitreichend: Wir merken es an unseren Gefühlen.

Der Geschmack unseres inneren Zustands

Der Neuro-Cocktail, von dem ich im letzten Text gesprochen habe, ist für mich die jeweilige Mischung biochemischer Botenstoffe, die in einem bestimmten Moment in uns wirksam ist. Diese Mischung beeinflusst, wie wir wahrnehmen, denken und handeln. Sie ist gewissermaßen die Rezeptur unseres momentanen inneren Zustands. Doch jede Mischung hat auch eine Qualität, die wir unmittelbar erleben. Genau diese erlebte Qualität nenne ich den Geschmack unseres Geistes. Und dieser Geschmack ist das, was wir Gefühl nennen.

Das ist natürlich ein Bild und keine naturwissenschaftliche Formel. Aber gerade deshalb hilft es mir. Denn wir erleben unsere Gefühle nicht abstrakt. Wir erleben sie unmittelbar. Ein Tag kann sich leicht und hell anfühlen oder schwer und dumpf. Eine Begegnung kann in uns Wärme erzeugen oder Kälte. Ein Gedanke kann etwas Süßes, Helles, Hoffnungsvolles in uns auslösen oder etwas Bitteres, Stechendes, das uns enger werden lässt. Gefühle sind deshalb für mich nicht bloß Begleiterscheinungen unseres Lebens. Sie sind die Weise, in der wir unseren inneren Zustand erleben.

Warum das Bild vom Geschmack trägt

Wenn ein Cocktail harmonisch gemischt ist, stellen wir uns vor, dass er rund, angenehm und stimmig schmeckt. Ist er misslungen, dann ist er zu bitter, zu scharf, zu sauer oder unausgewogen. Genau so erlebe ich auch unsere Gefühle. Es gibt Zustände, die sich offen, ruhig, vertrauensvoll und stimmig anfühlen. Und es gibt Zustände, die uns ängstlich, gereizt, abweisend oder traurig machen. Das Bild vom Geschmack bringt für mich auf den Punkt, dass Gefühle nicht einfach „da“ sind, sondern immer etwas anzeigen: Sie geben Auskunft darüber, wie unser innerer Zustand gerade abgestimmt ist.

Wenn wir Freude empfinden, wenn wir Zuversicht spüren, wenn Vertrauen oder Wärme in uns entsteht, dann erleben wir einen inneren Zustand, der uns gewissermaßen gut schmeckt. Wenn wir dagegen Angst, Ärger, Ekel, Trauer oder Ablehnung spüren, dann hat unser innerer Zustand eine andere Färbung. Etwas in uns signalisiert: So, wie es gerade ist, fühlt es sich nicht stimmig an.

Gefühle sind nicht nur Begleitung, sondern Richtung

Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Gefühle sind nicht bloß etwas, das wir nebenbei erleben. Sie bringen uns in Bewegung. Das zeigt sich schon in der Sprache. Wir sprechen davon, dass uns etwas „sauer aufstößt“, dass wir „verbittert“ sind, dass uns etwas „schmeckt“ oder eben nicht. Diese Redewendungen sind nicht zufällig. Sie beschreiben sehr genau, dass wir auf unsere Gefühle nicht neutral reagieren. Wenn uns etwas innerlich bitter vorkommt, gehen wir eher auf Abstand. Wenn sich etwas gut anfühlt, suchen wir eher die Nähe. Was uns angenehm erscheint, zieht uns an. Was uns unangenehm erscheint, lässt uns ausweichen.

In diesem Sinn sind Gefühle nicht nur ein Spiegel, sondern auch ein Motor. Sie geben nicht nur Auskunft über unseren Zustand, sondern sie beeinflussen unmittelbar, was wir tun. Noch bevor wir lange nachdenken, hat unser innerer Geschmack oft schon eine Richtung vorgegeben. Wir ziehen uns zurück oder gehen auf etwas zu. Wir werden hart oder weich. Wir öffnen uns oder verschließen uns.

Warum dieselbe Veränderung unterschiedlich schmeckt

Besonders deutlich wird das bei Veränderungen. Wenn sich im Außen etwas bewegt — neue Technik, neue Prozesse, neue Abläufe, neue Anforderungen — dann verändert sich oft auch unser innerer Zustand. Für manche Menschen schmeckt diese Veränderung bitter. Sie erleben sie als Bedrohung, als Störung, als Unsicherheit. In ihnen bildet sich eine Mischung, die Anspannung, Vorsicht oder Angst hervorruft. Der Geist reagiert, als sei das Neue etwas, das man lieber meiden sollte. Also handeln sie entsprechend: Sie ziehen sich zurück, blockieren, halten fest oder hoffen, dass alles bald wieder so wird wie vorher.

Andere erleben dieselbe Veränderung ganz anders. Für sie hat das Neue etwas Anregendes, Frisches, vielleicht sogar Prickelndes. Es weckt Neugier, Aufbruch, Lust auf Bewegung. Sie erleben Veränderung eher wie eine Einladung als wie eine Gefahr. Und auch das bleibt nicht folgenlos. Wer Veränderung so erlebt, reagiert anders. Er probiert eher aus, geht eher voran, sieht Möglichkeiten, wo andere vor allem Risiken sehen.

Beide begegnen derselben Situation. Aber sie schmeckt ihnen unterschiedlich. Und genau darin zeigt sich die Macht der Einstellung.

Was Gefühle über Einstellung verraten

Wenn ich sage, Gefühle seien der Geschmack unserer Einstellung, dann meine ich damit: Unsere Einstellung bleibt nicht unsichtbar. Sie wird in unseren Gefühlen spürbar. Sie zeigt sich darin, ob uns eine Situation innerlich gut bekommt oder ob sie uns in Alarm versetzt. Sie zeigt sich darin, ob wir Vertrauen oder Misstrauen, Offenheit oder Abwehr, Zuversicht oder Resignation empfinden.

Das macht Gefühle so wichtig. Denn sie sind nicht einfach irrational oder störend, wie man manchmal meint. Sie sind Hinweise. Sie zeigen an, wie unser inneres System eine Situation bewertet. Nicht immer bewusst, nicht immer richtig, aber doch wirksam.

Damit wird auch verständlich, warum bloße Vernunft oft nicht ausreicht, um unser Verhalten zu verändern. Man kann sich noch so oft sagen, dass eine Situation harmlos oder sinnvoll ist. Wenn sie innerlich bitter schmeckt, bleibt die Reaktion oft eine andere. Umgekehrt kann etwas objektiv riskant sein und dennoch in uns einen so anregenden Geschmack auslösen, dass wir uns davon angezogen fühlen. Unsere Gefühle sind also keine Nebensache. Sie sind die erlebte Form dessen, was unsere Einstellung in einem Moment aus uns macht.

Wer kostet eigentlich in uns?

An diesem Punkt wird die Frage spannend. Wenn Gefühle der Geschmack unseres inneren Zustands sind, wer oder was entscheidet dann eigentlich, ob uns etwas angenehm oder unangenehm erscheint? Wer bewertet, was süß, bitter, scharf oder unerquicklich ist? Wer legt fest, ob wir fliehen, kämpfen, uns verschließen oder uns hingeben möchten?

Diese Frage lässt sich nicht mit einem einzigen Satz beantworten. Aber sie führt an einen wichtigen Punkt: Gefühle entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie hängen mit unseren Erfahrungen zusammen, mit unseren gespeicherten Mustern, mit unserem Körper, mit unserer Wahrnehmung, mit Erwartungen und Erinnerungen. Was wir innerlich schmecken, ist also nicht bloß eine Reaktion auf das Außen. Es ist auch Ausdruck dessen, was in uns bereits angelegt ist.

Gerade deshalb ist der Geschmack unseres Geistes nicht etwas Zufälliges. Er ist biografisch, körperlich, situativ und zugleich offen für Veränderung.

Die Bedeutung dieses Bildes

Für mich liegt die Stärke dieses Bildes darin, dass es etwas Menschliches bewahrt. Sobald wir über Neurotransmitter, Hormone und neuronale Prozesse sprechen, besteht immer die Gefahr, dass wir den Menschen zu technisch betrachten. Das Bild vom Geschmack führt mich wieder zurück in die Erfahrungswelt. Es erinnert mich daran, dass unser inneres Leben nicht nur aus Abläufen besteht, sondern aus Erleben. Und genau dieses Erleben hat eine Qualität, die uns etwas über uns selbst verrät.

Vielleicht beginnt das Verstehen der eigenen Einstellung deshalb nicht zuerst bei großen Theorien, sondern bei einer schlichten Frage: Wie schmeckt mir gerade mein eigener Geist? Fühlt sich etwas in mir stimmig an oder nicht? Macht mich eine Situation weit oder eng? Erzeugt sie Vertrauen, Widerstand, Nähe, Abwehr, Wärme oder Bitterkeit?

Wer beginnt, diese Fragen ernst zu nehmen, nimmt auch seine Gefühle ernster. Nicht im Sinn blinder Gefolgschaft, sondern im Sinn eines genaueren Hinsehens. Denn Gefühle sind nicht das Ende des Denkens. Aber sie sind oft sein Anfang.

Der erste Schritt zum Verstehen

Vielleicht ist das der eigentliche Gewinn dieses Bildes: Es macht die eigenen Gefühle weniger rätselhaft. Sie erscheinen dann nicht mehr bloß als Stimmung, die uns überfällt, sondern als erfahrbarer Ausdruck einer inneren Mischung. Und diese Mischung wiederum verweist auf unsere Einstellung.

Wer also lernen will, sich selbst besser zu verstehen, kann damit beginnen, auf den Geschmack seiner Gefühle zu achten. Nicht um sich ständig zu analysieren, sondern um wahrzunehmen, wie eng Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln zusammenhängen. Denn wer beginnt, seinen Geist zu schmecken, beginnt vielleicht auch, ihn besser zu verstehen.

Und wer ihn besser versteht, hat bereits den ersten Schritt getan, ihn zu verändern.